Was wir von den Alten Meistern über selektive Lichtregie lernen müssen, damit aus dem digitalen Verkaufsraum eine Bühne wird, die das Gehirn des Kunden augenblicklich versteht.
Erinnern Sie sich, wie es sich anfühlt, durch die Säle einer großen Kunsthalle, durch ein ehrwürdiges, altes Museum zu streifen und plötzlich vor einem Stillleben des späten 16. oder frühen 17. Jahrhunderts wie vom Donner gerührt innezuhalten? Der Weg bis zu diesem Halteort war eine Mischung aus kalkulierter Inszenierung der Architekten, Raumplaner, Ausstellungsgestalter, ergänzt durch den Einfluss des Alltäglichen und des Allzumenschlichen: Straßenlärm bricht sich in den riesigen Räumen, durchmischt von zu einem eigenen Soundtrack verschmolzenem Gemurmel der anderen Museumsbesucher. Im Nachbarsaal quietscht die Gummisohle eines Sneakers auf dem spiegelblanken Boden und klingt dabei wie der Ruf eines verschreckt auffliegenden seltenen exotischen Vogels. Eine Klimaanlage haucht Ihnen beim Vorbeigehen kühle Luft auf die Haut.
Und plötzlich ist da dieses Gemälde, das im Bruchteil eines Moments Ihre ganze Wahrnehmung an sich saugt, das den Raum um Sie herum zu einer zwar kleinen aber durchaus nicht unbehaglichen Blase, die nur Sie und dieses Ölgemälde umarmt, verengt. Der Sie umgebende Schall und seine Echos, das über die Lichtschächte einfallende Licht, das Quietschen der Sneakers auf dem harten Boden haben nicht aufgehört zu existieren. Nur Ihre Wahrnehmung drängt diese Ereignisse von Ihnen weg, weil Ihre Augen jetzt um die Unterstützung Ihrer anderen Sinne bitten, um dieses Werk vor Ihnen zu erkunden, zu erfühlen … zu verstehen.
Warum gemalte Dolche besser blitzen
Und wenn dieses Werk denn ein Gemälde in Öl auf Leinwand aus dem späten 16. oder dem frühen 17. Jahrhundert ist, dann wird darauf eine biblische Szene, ein dramatischer Alltagsmoment von damals oder ein Stillleben – vermutlich eine Anordnung alltäglicher Gegenstände aus jener Zeit zu sehen sein. Kämpfende Helden oder mordende Räuber mit im Gewand versteckt blitzendem Dolch; badende Mädchen in glitzerndem See oder im Schein lodernden Feuers sterbende Märtyrer; ein alter Mann mit einem golden funkelnden Helm; ein heiter sich selbst porträtierender Maler; Früchte aller Reifezustände oder tote Tiere in silbernen Schalen; dunkler Wein in kristallnen Karaffen. Und wenn der Schöpfer eines solchen Werks ein Meister seiner Kunst war, dann wird irgendwo auf diesem Bild auch eine gläserne Flasche im sorgfältig vom Pinsel auf die Leinwand gebrachten, perfekten Lichtschein (und seiner Reflexe) zu sehen sein.
Ein jedes Ding an seinem Platz. Beschienen von genau dem Licht, das es bescheinen soll. Störende Reflexe, überbelichtete Weißflächen, verschwommene Details – Fehlanzeige! Denn diese Meister schufen eine Realität die wirklicher war als die Wirklichkeit je sein kann. Warum, weil die Künstler die unangefochtenen Herrscher über die Physik des Lichts waren. Sie mussten nicht jede Wirkung der realen Lichtsituation, in der sie selbst das Bild malten, akzeptieren. Sie ließen alles Störende weg. Verfeinerten nach Belieben entweder durch Hinzufügung oder durch Weglassung von Licht, Schatten, Spiegelungen, Unschärfen.
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Und obwohl wir es heute besser wissen können, bilden wir uns ein, dass nur die Fotografie der Weinflaschen die wahre Realität zeigt, die die Kunden umgarnen und sie zu Käufen inspirieren wird. Dabei kämpft auch die ausgefeilteste Produktfotografie seit je mit den lästigen Zufällen der von ihr noch nie vollends beherrschten Physik des Lichts. Was daraus entsteht, ist in den meisten Fällen immer nur der zähneknirschende Kompromiss.
Im Gegensatz zum Maler mit Ölfarbe, Pinsel und Leinwand vermag die Fotografie nämlich nicht gezielt und auf den Mikrometer präzise das Ferne fern, das Nahe nah, das Helle hell und das Dunkle dunkel darzustellen. Im Gegensatz zur meisterhaften Malerei seit dem späten 16. Jahrhundert vermochte die Fotografie seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert noch nie (oder zumindest nicht ohne geradezu übermenschlichen Aufwand) das Wirkliche und seine Botschaft an die Augen der Betrachter abzubilden. Oft staunen wir über den Fotorealismus in der Malerei. Dabei müssten wir – streng genommen – über das Malereihafte der Fotografie staunen!
Und wissen Sie, wem die gebührende Nachfolge der Malerei des späten 16., des 17. und der folgenden Jahrhunderte zufällt? Der computergenerierten Bildgebung (CGI). Denn genau wie die Maler einst in der Lage waren, jede Nuance des Bildes zu gestalten, jedes Detail nach Bedarf hervorzuheben oder zu überspielen, jeden Lichtstrahl mikrometergenau zu lenken, dessen störende Spiegelung aber auszuschalten, indem sie einfach nicht gemalt wurde, ist CGI zu genau denselben Techniken in der Lage.
Die irrige Idee, dass Realität durch das Einfangen von Licht durch ein Objektiv auf einen Film oder einen Chip abbildbar ist, führte gerade die Weinbranche in eine Sackgasse. Das Ringen der Weinflaschenfotografen mit den Unzulänglichkeiten und Zufällen ihrer Lichtaufbauten und Kameraperspektiven führte dazu, dass nahezu sämtliche Produktfotografien der Weinbranche aus Not flachgeleuchtet, nicht selten an hellen Stellen überbelichtet, aus produktionstechnischen Gründen nur selten perfekt zur Kamera ausgerichtet sind. Korrekturen werden weggelassen, weil man das ganze Geraffel im Fotostudio noch einmal neu aufbauen müsste, was wiederum Geld kostet. Das Ergebnis hatten wir schon erwähnt: die weitaus überwiegende Zahl der Onlineshops von Weinbaubetrieben zeigt das sinnliche Produkt im Ringen um unverfälschten Realismus ausgeleuchtet wie in einer Pathologie. Wobei man einem Irrtum unterliegt: Die Realität einer Abbildung entsteht gar nicht aus eingefangenem Licht auf einem Chip. Realität vielmehr entsteht in der Wahrnehmung, in den Köpfen der Betrachter. Nur allzu leicht missversteht man die Aufgabe der Bilder im Onlineshop: Die Frage ist nicht, wie wir die Wirklichkeit möglichst unverfälscht abbilden. Die Frage ist, welche Wirklichkeit der Betrachter verstehen soll.
Was macht Wirklichkeit zur Realität?
Dabei ringt gerade die Weinbranche in ihrem Kernbereich, der Produktion, selbst mit dem Balancieren von Authentizität und Wirklichkeit: nur allzu gern möchte man die Arbeit in Berg und Keller wie noch im 19. Jahrhundert aussehen lassen. Unterdessen bedient man sich aber längst der unbestreitbaren Vorteile computertemperierter Stahltanks, um die höchste Präzision der Weinstilistik virtuos zu erreichen.
Nehmen Sie dagegen die Werbung für ein Bier oder einen beliebigen Softdrink, einen Schokoriegel, einen Butterkeks oder eine Schweizer Uhr. All diese Produkte sehen perfekt real aus und verführen die Kundschaft zum Kauf. Warum? Weil all diese Bilder schon seit Jahren nicht mehr im Fotostudio entstehen, sondern im Computer. Denn davor sitzen Menschen, deren Handwerk dem Wissen der Alten Meister am nächsten kommt. CGI ist kein künstlicher Ersatz. Es ist die Rückkehr der Lichtregie. Machen Sie Ihren Onlineshop zur Kunstgalerie! Denn die Kaufentscheidung wird nicht nach einer gründlichen Untersuchung des Produktbild in porentief reinem Licht getroffen, sondern durch aufmerksames Hinsehen und Erkennen der Bedeutung des Produkts für’s eigene Leben.
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