Wappen, wie wir sie kennen, sind meist flache Bilder. Mal mehr, mal weniger perspektivisch ausgearbeitet. Eine zweidimensionale Grafik, die vortäuscht, aus körperhaften Elementen wie Schilde, Helmzier, Acanthus und vielem anderen mehr zu bestehen. Als Ensemble bilden Wappen codierte Zeichen, hinter denen Menschen, eine Familie und ihre Geschichte, Erinnerungen, Entscheidungen, manchmal eine ganze Reihe von Leben stehen. Aber irgendwann wurde all das unweigerlich zu einem starren Bild auf einer Seite. Eigentlich traurig, weil immer nur ein Teil der Story erzählt wird. Wenn überhaupt …
Mit dem Aufkommen von CGI habe ich zum ersten Mal eine Idee davon entwickelt, dass man einem Wappen nicht nur eine Form, einen Körper, geben, sondern ihm auch begegnen kann – wie einem Freund, wie einer Geschichte.
Man kann sehen, wie das Licht das Metall berührt. Wie altes Gold aufhört, einfach nur eine mehr oder weniger gelungene gelbe Farbe zu sein, sondern goldglänzendes Metall im Spiel des Lichts wird. Wie Schatten über ein Relief wandern, wie sich der Stoff eines Banners leise knisternd im Wind bewegt, wie ein Siegel seine Spur im Wachs hinterlässt.
Durch computergenerierte Bildgebung zum Leben erweckt, scheint so ein Wappen so, als erinnerten sich die Symbole selbst daran, woher sie kommen. Der Löwe wird zu einem Bild, sondern zur Verkörperung von Kraft und Würde. Der Adler hört auf, ein dekoratives Element zu sein, und kehrt zu seinem eigentlichen Sinn zurück – zu Erinnerung, zu Kraft und Treue und zum Weg nach Hause.
Mir scheint auch etwas anderes wichtig zu sein.
Der größte Teil menschlicher Geschichten wurde nie fotografiert. Viele Familienlegenden existieren nur in wenigen Sätzen, in alten Briefen, in Bruchstücken von Erinnerungen oder in Erzählungen, die über Generationen hinweg am Familientisch weitergegeben wurden.
Und zum ersten Mal entsteht die Möglichkeit, diesen Geschichten ein Bild zu geben. Nicht, um zu beweisen, dass alles genau so war. Sondern um vorsichtig zu fragen: Wenn wir es sehen könnten – wie würde es aussehen?
CGI bewegt sich zwischen Geschichte und Vorstellungskraft, zwischen Erinnerung und Traum, zwischen dem, was war, und dem, was Menschen weitergeben möchten. Und es realisiert mittels Software die Physik von Form, Material und Licht. Manchmal scheint es mir, dass CGI weniger mit Wappen arbeitet als mit dem menschlichen Wunsch, ein Zeichen zu hinterlassen, an dem eines Tages jemand erkennen wird: Hier haben Menschen gelebt. Sie haben etwas geliebt, an etwas geglaubt und etwas für bewahrenswert gehalten.
Wenn die Heraldik immer die Frage „Wer sind wir?“ beantwortet hat, dann stellt sich heute vielleicht noch eine weitere: „Wie sieht unsere Geschichte aus, wenn wir ihr die Möglichkeit geben, wieder lebendig zu werden?“